• Emanuel Grammenos

TIT FOR TAT

Aktualisiert: Juni 15

Oder: Wie gehe ich mit schwierigen Situationen und Menschen um? 

Kennst Du eigentlich die Spieltheorie? Falls nicht, könnte Dich das Folgende interessieren, denn in dieser sog. Spieltheorie gibt es einen Ansatz, der Dir in Deinem alltäglichen Leben wirklich weiterhelfen könnte. Ich rede von der sog. Tit-for-Tat Strategie und wenn Du ein Mensch bist, der

(1) oft das Gefühl hat, dass andere über ihn hinweggehen, wenn Du Dich (2) oft ausgenutzt fühlst, an vielen Stellen denkst ‘Warum habe ich da nicht klarer Stellung bezogen’ oder wenn Du jemand bist (3) die/der sich mit Entscheidungen schwer tut

dann könnte Tit-for-Tat etwas für Dich sein und darum wird es in dieser Folge von "Alltagsphilosopische Ratschläge" gehen. 


Liebe Chef*In / Böse Chef*In


Stell Dir folgende Situation vor in der Du mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert bist:

Deine Chefin/Dein Chef will, dass Du längerfristig die Arbeit eines kranken Kollegen mit übernimmst. Du arbeitest seit einem Jahr in dem Unternehmen und bist Berufs-Anfänger. Bei der Einstellung wurde Dir eine Gehaltserhöhung nach der Probezeit zugesagt, die ist aber nie gekommen.  Jetzt fragst Du Dich, ob Du die zusätzliche Arbeit übernehmen sollst oder nicht?


Hier kann Tit-for-Tat helfen. Schau Dir also kurz mit mir an, worum es dabei geht bevor ich das Ganze auf unser Beispiel übertragen werde. 


Die sog. Spieltheorie beschäftigt sich mit Entscheidungssituationen zwischen mehreren Parteien. Ursprünglich kommt die Spieltheorie aus der Mathematik und versucht, die Entscheidungen zu finden, die am rationalsten sind. Diese mathematische Theorie ist in viele Wissenschaften übertragen worden und eignet sich meiner Erfahrung nach auch hervorragend, um in Alltagssituationen die beste Entscheidung zu treffen. 

In der Spieltheorie geht es um eine spezielle Problemstellung kurz: ein Spiel. Dieses Spiel wird sehr oft wiederholt. Also in etwa so, als wenn Du 100 Mal hintereinander Fortnight, Schach oder Mensch-Ärger-Dich-nicht mit anderen spielst. Bei jedem Spiel wird dabei eine bestimmte Strategie gewählt. Also z.B. bei Fortnight mit welcher Art Charakter spiele ich, welchen Aufbau wähle ich beim Schach oder... nun, um ehrlich zu sein, bei ‘Mensch ärger Dich nicht’ fallen mir keine unterschiedlichen Strategien ein, da musst Du einfach Würfelglück haben. Wie dem auch sei, am Ende der 100 Spiele wird ausgewertet, welche der Strategien am häufigsten zum Sieg geführt hat – also mit welcher Strategie Du am besten gewinnen kannst. 


Kurzer Spoiler an dieser Stelle: Tit-For-Tat ist die erfolgreichste Strategie, die es gibt.


Jetzt ist es natürlich so, dass ‘Gewinnen’ im Leben nicht das gleichen ist wie in einem Brettspiel. Tatsächlich ist es mir sehr wichtig, dass ich nicht vermitteln will, dass Du immer nach ‘dem Sieg’ streben sollst. Insbesondere in einem ökonomischen-politischen System, in dem ‘Sieg’ und ‘Gewinnen’ sehr oft bedeutet, ‘auf Kosten der Umwelt und der anderen Menschen den persönlichen (Geld-)Gewinn zu steigern. ’ Deswegen bedeutet ‘Gewinnen’ oder ‘Sieg’ hier: ‘das Ziel erreichen, dass ich mir gesetzt habe.


In unserem Beispiel ist dieses Ziel: zufrieden im Arbeitsleben sein. Was spezifiziert wird als: ‘entweder-viel-Zeit-haben-oder-viel-verdienen-und-früh-in-den-Ruhestand-gehen-um-Zeit-zu-haben'. 


Es kann natürlich auch ganz anderes bedeuten wie z.B. ‘Menschen-helfen-ihre-Probleme-zu-lösen’, ‘Kindern-einen-guten-Start-ins-Schulleben-ermöglichen’, ‘Gäste-mit-dem-besten-Essen-beglücken’, ‘einen-Beitrag-zum-ökologischen-Wandel-leisten' etc. Ich wollte hier aber ein Beispiel wählen, dass recht einfach und oberflächlich(er) ist. Denn dann lässt sich der entscheidende Punkt klarer verdeutlichen. 


So, wir sind jetzt an einer Stelle angekommen an der wir alle Bausteine haben, die wir brauchen, um unser Entscheidungsspiel zu spielen und Tit-for-Tat zu verdeutlichen. 


Das Leben ein Spiel?


Deine Chefin / Dein Chef will also, dass Du mehr Arbeit übernimmst, weil Deine Kollegin / Dein Kollege lange krank ist. Denk noch mal an die 100 Spiele Fortnight oder Schach. In unserem Beispiel ist jede Situation, in der Du etwas entscheidest ein eigenes Spiel, sofern Deine Entscheidung etwas mit der Arbeit zu tun hat und sich auf Deinen Lohn oder Deine Freizeit auswirkt. Denn das waren ja die Ziele, die wir oben als Zufriedenheit im Arbeitsleben definiert haben.  Wenn Du durch Deine Entscheidung dem Ziel näherkommst hast Du ‘gewonnen. ’ Wenn Du dem Ziel nicht näher kommst, hast Du ‘verloren.’

Tit-for-Tat ist nun eine Strategie des “cooperating on the first move and then doing whatever the other player did on the preceding move”. Sprich: Du kooperierst am Anfang immer und schaust dann, was Dein Gegenüber macht. Wenn dein Gegenüber ebenfalls kooperiert, machst Du weiter mit Deiner Kooperation, wenn Dein Gegenüber nicht kooperiert, dann hörst Du auf zu kooperieren. Fängt Dein Gegenüber wieder an zu kooperieren, dann fängst Du auch wieder an.

Klingt abstrakt? Ist aber ganz einfach. 


Schauen wir das am Beispiel etwas genauer an:

Wie gesagt hast Du vor kurzem angefangen in dem Unternehmen zu arbeiten. Beim Einstellungsgespräch wurde ausgemacht, dass du in der Probezeit weniger Gehalt bekommst und Deine Chefin / Dein Chef hat zugesagt, dass Dein Gehalt nach der Probezeit erhöht wird.  Du hast also kooperiert (Job angenommen trotz schlechter Bezahlung) für das Versprechen einer Kooperation in der Zukunft (Gehaltserhöhung nach der Probezeit). Jetzt arbeitest Du seit einem Jahr dort, aber die Gehaltserhöhung kam nie. Dein Gegenüber hat also nicht kooperiert. Durch den Ausfall der Kollegin oder des Kollegen ist nun eine ‘Notsituation’ eingetreten. 


Deine Chefin / Dein Chef braucht Deine Hilfe - anders ausgedrückt: Deine Kooperation. Du fragst Dich also: Soll ich die extra Arbeit übernehmen oder nicht? Die Antwort unter der Anwendung der Tit-For-Tat Strategie ist ganz klar: Nein. Denn Deine Chefin / Dein Chef hat aufgehört mit Dir zu kooperieren, will aber, dass Du weiterhin kooperierst. 


Die fehlende Gehaltserhöhung ist ein ‘Verlieren’ für Dich. Du bist dadurch Deinem Ziel ‘Zufriedenheit im Arbeitsleben’ nicht nähergekommen. Eine weitere Kooperation von Dir ohne Kooperation von Deinem Gegenüber würde Dich sogar weiter weg von Deinem Ziel bringen.


Was kannst Du also tun? Ich sehe hier zwei Optionen: 

1.) Du kannst still und heimlich die fehlende Kooperation Deiner Chefin / Deines Chefs bewerten und einfach sagen: “Sorry, aber die Arbeit werde ich nicht übernehmen.”

2.) Besser fände ich es aber auf die fehlende Kooperation hinzuweisen. Du könntest zu Deinem Chef / Deiner Chefin gehen und sagen: “Ich hätte die Arbeit gerne übernommen (hätte kooperiert), wenn Sie mein Gehalt erhöht hätten (kooperiert hätten). Du Kannst auch sagen:  “Ich bin gerne wieder bereit, mehr Aufgaben zu übernehmen (also wieder anzufangen zu kooperieren) wenn Sie das Gehalt erhöhen (sie kooperieren), aber bis dahin, stehe ich nicht zur Verfügung.” 


Hm, Aaaaaber...


Vielleicht denkst Du jetzt: “Aaaaaber... wenn ich das mache, dann verliere ich meinen Job.” Mach Dir klar, wenn dem so ist, dann spielt Dein Arbeitgeber eine neue Runde des Spiels. Er sagt dann: “Ich habe nicht nur aufgehört beim letzten Zug zu kooperieren, sondern ich nehme selbst die erste Kooperation (die Anstellung) zurück.”

Natürlich musst Du in einem solchen Fall selbst entscheiden, wie wichtiger der Job ist und sicherlich ist das dann nicht so einfach wie ich es hier darstelle. Aber ehrlich gesagt, wäre es für mich die Frage, ob ich überhaupt mit jemandem ein Spiel spielen will, der/die eine komplett rachsüchtige Strategie spielt. Ich habe in meinem Leben mit solchen Menschen früher oder später gar nicht mehr ‘gespielt’ und das hat zu meiner Lebens-zufriedenheit immer beigetragen. Aber das ist natürlich meine persönliche Erfahrung, die nicht für alle gelten muss. 


Unabhängig, dieses Worst-Case-Szenarios (siehe alltagsphilosophische Ratschläge) würde ich aber dennoch empfehlen, die Tit-for-Tat-Strategie mal zu probieren. Denn eines ist klar, würden alle Menschen diese Strategie konsequent spielen, würden wir deutlich mehr kooperieren.

Die Strategie kannst Du übrigens auch super auf andere Beispiele neben der Arbeit übertagen. Sie funktioniert in Freundschaften, Liebesbeziehungen, mit den Eltern und bei vielem mehr.


Let the Games begin... 

© 2018 von Emanuel Grammenos