• Emanuel Grammenos

Vom Können und vom Wollen

Aktualisiert: Juni 15

Oder: Die Kunst, durch begriffliche Unterschiede Dein Leben zu verändern.

Sicherlich gab es in den letzten paar Tagen Situationen, in denen Du gedacht hast: Das kann ich nicht (machen)“. Ich bitte Dich, dass Du Dir mal eine dieser Situationen vorstellst und sie Dir merkst – wir werden nachher darauf zurückkommen.


Ich werde hier ein Beispiel wählen, welches mir im Alltag oft begegnet. Immer wieder mal treffe ich auf Menschen, die mit einer Situation unzufrieden sind, z. B. mit ihrer Beziehung, ihrer Ehe, ihrem Körper, ihrer Leistung etc. Da ist z. B. ein Mann – nennen wir ihn Markus –, der mir erzählt, dass er sehr unglücklich in seiner Ehe ist. Nachdem ich ihm sehr lange zugehört habe und er mir beschrieben hat, wie ausweglos seine Beziehung ist, frage ich ihn: „Willst Du Dich trennen?“. Er antwortet: „Das kann ich meinen Kindern nicht antun. Der Kleine ist gerade erst drei geworden“.


Ich glaube, dass es hier eine Verwirrung von ‚Wollen‘ und ‚Können‘ gibt. Ich glaube des Weiteren, dass diese Verwirrung so verbreitet ist wie eine einfache Erkältung. Und ich glaube, dass diese Verwirrung sehr viele Menschen sehr unzufrieden macht.

Aus diesem Grund habe ich diesen kleinen, alltagsphilosophischen Ratschlag geschrieben. Er ist für all die Menschen, die gerne etwas zufrieden sein wollen, aber denken, dass sie das nicht sein können.


Können wir wollen, was wir wollen?


Mit dem ‚Können‘ und dem ‚Wollen‘ ist es so eine Sache. Wenn Du mal darauf achtest, wirst Du merken, wir nutzen die beiden Begriffe andauernd. Sie werden Dir zu jeder Zeit und überall begegnen. Die meisten Menschen machen sich keine großen Gedanken darüber. Denn: Was macht es schon für einen Unterschied, ob ich nun sage „Ich will meine Frau nicht verlassen“ oder „Ich kann meine Frau nicht verlassen“, wenn ich beide Male dasselbe meine? Ich behaupte, dass es einen großen Unterschied macht. Der Grund dafür liegt in meiner Überzeugung, dass wir die beiden Worte nicht zufällig verwechseln, sondern unser Unbewusstes die Wahl dieser Wörter sehr genau steuert. In den Fällen, in denen ich das Gefühl habe, eine unüberwindliche Kraft hält mich von etwas ab, wählt es das Wörtchen „Können“. In allen anderen Fällen entscheidet es sich für das Wörtchen „Wollen“.


Wenn Du jetzt denkst „Das ist mir irgendwie nicht klar”, dann gehen wir ein bisschen tiefer in die Begriffe hinein. Ich frage Dich also: Was kannst Du denn wirklich nicht?. Mit „wirklich“ meine ich damit erst mal: Was ist Dir aufgrund von Naturgesetzen unmöglich?


Also z. B. kannst Du nicht unter Wasser leben. Du kannst auch nicht fliegen – beides zumindest nicht ohne technische Hilfsmittel. Du kannst auch nicht 1000 Jahre alt werden. Du kannst auch nicht aufhören zu atmen. Du kannst auch nicht Deinen Kniesehnenreflex unterdrücken (Das ist das Ding, dass dazu führt, dass Dein Bein unterhalb vom Knie nach oben schnellt, wenn ein Arzt mit einem Hammer unter der Knieschiebe auf den Nerv schlägt.). Ebenso kannst Du nicht in der Lava eines Vulkans schwimmen. Du kannst nicht zehn Liter Blut auf einmal spenden und so weiter und so fort …

Es gibt also ganz wirkliche und – ich sage jetzt mal – körperliche Begrenzungen, auf die Du mit dem Wort „Können“ Bezug nehmen kannst. Wenn ich zu einer der oben genannten Tätigkeiten auffordern würde, würdest Du sagen: „Das kann ich nicht!“ (also z. B. „Hör doch einfach für die nächsten sechs Monate auf zu atmen.“). Jeder würde diese Antwort verstehen und nicht weiter fragen, warum Du das nicht kannst. Die Antwort ist sozusagen selbst-evident.

Interessant wird es aber in den Fällen, in denen die Begrenzungen nicht so klar sind, wie bei den Beispielen, die ich gerade aufgezählt habe. Wie ist es denn mit Markus, der es seinen Kindern nicht antun kann, sich zu trennen?


Ist es so wie beim Atmen? Ist es also physikalisch/biologisch unmöglich, sich zu trennen? Die Antwort ist trivialerweise: Nein! Es muss also irgendetwas anderes gemeint sein. Ich denke, was Markus eigentlich sagt, ist z. B.:


„Ich will mich nicht trennen, weil ich glaube, dass unsere Kinder unter der Trennung leiden würden.“ (Und: „Ich will nicht, dass unsere Kinder leiden.“)


Oder:


„Ich habe in mir eine undefinierte Barriere, die dazu führt, dass es sich so anfühlt, als ob ich mich nicht trennen kann. Also: es genauso unmöglich ist, sich zu trennen wie ‚nicht mehr zu atmen‘


Autona... Autoni... Autonomie


Beide Fälle sind sehr interessant und es ist in beiden Fällen wichtig, sie ebenso auszusprechen. Warum ist das so? Der Grund liegt in einem zentralen Vermögen von uns Menschen, in der sog. Autonomie. Als Menschen ist es uns das Wichtigste, dass wir uns frei fühlen. Wir wollen nicht zu dem gezwungen werden, was wir tun, sondern wir wollen frei darüber entscheiden. Frei sind wir aber eben nur, wenn wir autonom sind. Autonom sind wir – extrem verkürzt gesagt –, wenn wir etwas wollen können. Wenn es uns also möglich ist, etwas zu wollen.


Denke kurz darüber nach. Du bist nicht autonom in Bezug auf Deinen Atem. Du musst atmen. Selbst wenn Du Dich umbringen willst, kannst Du nicht einfach aufhören zu atmen. Dein Körper – genauer Dein vegetatives Nervensystem – wird irgendwann übernehmen und einfach wieder atmen. Wie ist das aber bei der Beziehung? Bist Du hier autonom? Die Antwort ist leider nicht so einfach wie beim Atmen, denn sie lautet: „Ja und nein!“.


Du bist autonom, wenn Du nicht das Gefühl hast, dass eine undefinierte Barriere in Dir dazu führt, dass es unmöglich ist, sich zu trennen. Hast Du diese Barriere aber in Dir, bist Du nicht autonom. Was die ganze Sache noch schlimmer macht, ist die Tatsache, dass wir Menschen dazu neigen, diese undefinierte innere Barriere nach außen zu legen und gute Gründe zu finden, warum wir etwas nicht können (So sind die Gründe im Beispiel von Markus ja die Kinder.). Diesen Vorgang, Gründe außerhalb von mir selbst zu suchen, nennt man übrigens Projektion. Der Vorgang, gute Gründe zu finden, warum etwas nicht geht, nennt sich Rationalisierung.


Was kann ich Markus also raten? Ich schlage ihm vor, seine Sprechweise zu ändern. Anstatt zu sagen „Das kann ich meinen Kindern nicht antun“, fordere ich ihn auf, mal zu probieren zu sagen „Das kann ich machen, aber ich will das meinen Kindern nicht antun“.

Vielleicht klingt das für Dich nach Wortklauberei, aber glaube mir, der Unterschied ist beachtlich. Denn mit dieser Formulierung gewinnt Markus seine Autonomie zurück. Plötzlich ist er nicht mehr ein Opfer der Umstände, sprich ein unzufriedener Mann, der in seiner unglücklichen Ehe gefangen ist. Er wird stattdessen zu einem unzufriedenen Mann, der sich entscheidet, in seiner unglücklichen Ehe zu sein. Wenn Du jetzt denkst „Na toll, aber unglücklich ist er ja immer noch“, hast Du Recht.

Aber sein Unglück ist auf Basis seiner Autonomie gewählt. Er wird sich gewahr werden, dass er frei ist. Frei, in der Ehe zu bleiben oder sie – zum Preis des angenommenen Leidens der Kinder – zu verlassen. Oder sich vielleicht mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, dass es viel größeres Leiden bei den Kindern erzeugt, in der Ehe zu bleiben. Oder festzustellen, dass diese Erklärung mit den Kindern eigentlich eine Rationalisierung ist und es ganz andere Gründe gibt, warum er sich nicht trennen will. Ganz gleich, zu welchem Schluss er hier kommt, er hat einen wichtigen Schritt hin zur Freiheit getan.


Dieser Schritt hin zur Freiheit ist meiner Erfahrung nach schon die Hälfte des Weges hin zur Zufriedenheit. Denn jetzt, da die Gründe für Markus’ Unglück nicht mehr außerhalb von ihm liegen, jetzt, da er sich bewusst wird, dass er sich trennen kann, es aber nicht will, kann er sich Gedanken machen, was er stattdessen will. Vielleicht will er mit seiner Frau sprechen, will mit ihr in eine Paartherapie gehen, vielleicht will er eine Affäre anfangen oder will eine offene Beziehung haben, vielleicht will er wieder einem alten Hobby nachgehen, vielleicht will er etwas ganz Neues anfangen. Kurz: Sein ‚Wollen‘ ist frei geworden, sich auf einen anderen Bereich zu richten, jetzt, da er sein ‚Können‘ – oder besser sein ‚Nicht-Können‘ – ent-zaubert hat.


Kommen wir zum Anfang zurück. Ich bitte Dich, Dir die Situation zu vergegenwärtigen, in der Du gedacht hast: „Das kann ich nicht machen!“. Frage Dich nun ganz ehrlich: Stehen Dir Gründe entgegen, die wie das Atmen oder die Lava sind? Wenn dem nicht so ist, dann versuche mal zu sagen: „Das will ich nicht machen!“. Und dann als zweiten Schritt:

„Das will ich nicht machen, weil …“. Bei dem „weil“ fügst Du dann die (inneren) Gründe ein, die dazu führen, dass Du es nicht tun willst. Solltest Du diese inneren Gründe nicht kennen, dann empfehle ich Dir, Dich auf eine Suche nach ihnen zu machen. Ich bin davon überzeugt, je genauer Du diese Gründe benennen kannst, desto mehr Autonomie wirst Du zurückgewinnen. Desto freier wirst Du Dich fühlen und desto mehr Zufriedenheit wirst Du (zurück)erlangen.

© 2018 von Emanuel Grammenos